[DZC] Die Schlacht um Augustus [Kurzgeschichte]

Einst war Agrippa IV in der Sphäre der Menschheit als ein Ort des Amüsements und der Vergnügungen bekannt. Ausschweifende Veranstaltungen, bei denen moralische Grenzen und Sitten im hedonistischen Treiben regelmäßig überschritten wurden, füllten die riesigen Plätze und Hochhäuser der Städte. Letztere schliefen nie, sondern waren immer hell erleuchtet und vom Lärm der Bewohner und Besucher erfüllt. All dies endete schlagartig innerhalb von wenigen Stunden am 3. Mai des Jahres 2507, als das Reich der Menschen fiel. Jede stark bevölkerte Welt der menschlichen Zivilisation, inklusive ihrer Heimat Terra, wurde Opfer einer zeitgleich stattfindenden Invasion durch eine zuvor unbekannte, grausame und tödliche Spezies, die als Scourge bezeichnet wurde. Als die Außerirdischen kamen, verwandelten sich die Freudenrufe in Angstschreie, nur um in gespenstisches Schweigen überzugehen, welches die einst lauten Städte heute prägt.

»Kein Zweifel, sie kommen«, sagte Holden leise, als er die Stecknadel auf dem Stadtplan von Augustus, der gefallenen Hauptstadt der Welt Agrippa IV, platzierte. Burton blickte von dem alten Holzstuhl, auf dem er rittlings saß, auf den Plan und nickte. »Wir wussten, dass sie irgendwann kommen würden«, sagte er und legt instinktiv die Hand an das Messer, das er an seiner abgewetzten Hose trug. Die Zeit der Freiheit und des Hedonismus hatte lange vor der Geburt der beiden Männer geendet. Die Menschen, die sie führten und die ihnen vertrauten, waren wie Holden und Burton die Nachfahren der wenigen Überlebenden der Invasion. Die außerirdische Besatzungsmacht kontrollierte die äußeren Regionen der Stadt und betrieb dort Fabriken und Minen, die Tag und Nacht Rauch aus seltsam geformten Gebäuden spien. Die Innenstadt war für sie scheinbar nie interessant gewesen, denn im ehemaligen Regierungsviertel Augustus lebte seit der Invasion der kümmerliche Rest der einst gewaltigen Population der Stadt weitgehend unbehelligt in den zerstörten oder baufälligen Gebäuden. In feuchten Kellern und Ruinen mit eingestürzten Dächern züchteten die Bewohner zahlreiche Pilze, die als primäre Nahrungsquelle dienten. Zwischen den Häusern wachten Hirten über Gruppen freilaufender Tiere, deren Fleisch als Delikatesse galt und zu besonderen Anlässen serviert wurde. Im Stadtkern hatte sich eine kleine Zivilisation etabliert, welche umringt von Feinden und in stetiger Angst, ein einfaches Leben führte. Innerhalb des Viertels waren die Bewohner seit der Invasion sicher gewesen.

Doch vor zwei Tagen schlugen die Außerirdischen plötzlich zu. Statt kleiner Patrouillen, mit denen die Überlebenden sich in den umliegenden Vierteln immer wieder Gefechte lieferten, drangen ganze Kampfgruppen in das Stadtgebiet vor und vernichteten gnadenlos die vorgeschobenen Beobachtungsposten. Burton blickte weiterhin auf den Stadtplan, auf dem zahlreiche Stecknadeln größere Gefechte und Truppenbewegungen der letzten Tage zeigten, und es gab wirklich keinen Zweifel. In weniger als einer Stunde würden die grausamen Scourge ihren Stützpunkt, der das Tor genannt wurde, erreichen. Seinen Namen verdankte dieser der Nachbildung eines imposanten Stadttores der alten Erde im Zentrum der Stellungen, dessen Name längst in Vergessenheit geraten war. Wenn die Invasoren dieses Tor durchschreiten sollten, wäre jeder Mann, jede Frau und jedes Kind dieses letzten Restes der freien Zivilisation dem Tod oder der noch bedeutend grausameren Sklaverei geweiht. Burton rammte sein Messer in den alten Tisch neben ihm, stand auf und ging zu dem einzigen Fenster im Raum. Er blickte auf die Soldaten und eine Ansammlung ziviler, jedoch bewaffneter Fahrzeuge, die alle älter als die Menschen um sie herum waren. Vereinzelt erblickte er Panzer des alten Militärs, deren klare Linien im Kontrast zu den verschnörkelten und opulenten Gebäuden und Fahrzeugen herum standen. Wie Kolosse aus einer anderen Epoche wirkten sie, die grüne Lackierung verblasst und abgeschabt, die Rümpfe mit aufgebrachten Stahlplatten verstärkt, wo Schäden zu beseitigen waren. »Diese verdammten Außerirdischen werden das Tor nicht durchqueren«, schwor er.

Holden lehnte hinter einem großen Bruchstück der Statue, die einst auf dem Tor gethront hatte und nun zertrümmert auf ihrer erhöhten Position lag. Er blickte durch sein altes Fernglas. Die Scourge näherten sich seiner Position über eine breite Straße, die viele Kilometer in einer geraden Linie vom Stadtrand bis zum Tor verlief. Er konnte ihre größeren Flieger sehen, die sich für die Verhältnisse der Außerirdischen recht langsam bewegten. Flache grüne Körper, die ein violettes Licht an einigen Stellen ausstrahlten und von denen zahlreiche, sich windende Tentakel herabhingen. Holden erspähte am Boden Bewegungen. Über die Wracks und Trümmerstücke stiegen Gestalten, mehrere Meter hoch. Sie liefen vor dem Rest der Armee. Nervös kaute Holden auf seiner Unterlippe rum, als ein Schatten auf ihn fiel und er nach seinem Gewehr griff. Er ließ jedoch von der Waffe ab und atmete entspannt aus, als er die Hera über sich entdeckte. Das gewaltige Luftschiff lag normalerweise im Stadtkern vor Anker, doch nun musste das ehemalige Ausflugsschiff an die vorderste Front. Die Aussichtsplattformen an Bug und Heck, die einst wohlhabenden Besuchern vorbehalten waren, waren mit Enterharpunen und Seilwinden ausgerüstet worden, um den Kämpfern der Menschen einen schnellen Zugang zum Boden zu ermöglichen. Die Seiten an Backbord und Steuerbord, sowie die Unterseite des Luftschiffes waren mit zahlreichen Waffen nachgerüstet worden, die auf ihren Einsatz harrten. Von seiner Position auf dem Tor nicke Holden grimmig der Hera zu.

»Komm näher, du Bastard!« flüsterte Burton leise, während er die beiden außerirdischen Kampfläufer durch das Zielfernrohr seines Gewehres beobachtete. Er hatte eine Position 500 Meter vor dem Tor bezogen und beobachte die vorauslaufenden Konstrukte. Auf hohen Beinen stiegen die grün-metallisch glänzenden Gestalten mühelos über das Geröll und die verwüstete, von Autowracks gesäumte Hauptstraße der Stadt, die direkt zum Tor führte. Ihre rot glühenden Sensorsysteme, die wie die Augen einer Spinne wirkten, suchten unablässig nach Opfern.

»Noch ein kleines Stück«, flüsterte Burton weiter, atmete tief ein und zog den Abzug durch. Das zentrale ›Auge‹ des anvisierten Läufers zersplitterte und beide Konstrukte entluden augenblicklich superheißes Plasma aus ihren Waffen in Burtons Richtung, der hinter einer staubigen Mauer in Deckung ging. Die Scourge bemerkten die Motorräder, die aus einer alten Halle hinter ihnen stoben und zwischen ihren Beinen entlangjagten, viel zu spät. Burton lächelte, als die von den Fahrern angebrachten Haftminen explodierten und beide Läufer zu Boden gingen.

Dunkler Rauch quoll aus den zerstörten Konstrukten hervor und Holden beobachtete aus der Entfernung wie schlanke, insektenartige Fahrzeuge sich mit hohem Tempo von der Armee lösten und den fliehenden Motorrädern folgten. Holden hielt die Signalpistole, die er normalerweise in seinem linken Halfter trug, in die Höhe. Als die Außerirdischen ein umgestürztes Feuerwehrfahrzeug passierten, drückte er ab und eine rote Kugel schnellte in die Höhe, um dort vor dem gelben Himmel zu verglühen. Er hörte das Donnern hinter ihm, als zahlreiche einfache Raketenwerfer, die auf alten LKWs montiert waren, welche schon lange keine Anhänger mehr zogen, ihre Arbeit verrichteten und ihre Ladung auf einen zuvor bestimmten Zielpunkt entluden. Hunderte von chemisch angetriebenen Geschossen rasten über Holden und das Tor hinweg. Als sie einschlugen, rissen sie großflächig die breite Straße auf und hüllten die außerirdischen Fahrzeuge in eine dunkle Rauchwand. Als diese sich lichtete, suchte Holden nach Bewegungen und Zeichen von Leben. Er atmete erleichtert auf, als er Burton auf dessen Motorrad erblickte. Die außerirdische Fahrzeuge lagen aufgebrochen im Schutt und die Motorräder, deren Fahrer den Truppen am Tor wertvolle Zeit erkauft hatten, rasten mit halsbrecherischem Tempo zwischen den Hindernissen zu ihm.

Die Schlacht tobte unerbittlich. Mit zahlreichen, weiteren Raketen hatten die Menschen die anrückenden Außerirdischen begrüßt und ihren Tribut unter den schwebenden Panzern und kleinen Läufern gefordert. Doch die Angreifer waren schnell und so blieb nicht viel Zeit, bis sie nah genug an die Stellungen der Menschen herangerückt waren und die zivilen Fahrzeuge und schweren Panzer in geschmolzene Schlacke verwandelten durch das superheiße Plasma, das ihre Waffen in die Abwehrstellungen entluden. Schwebende Transporter öffneten ihre Fronttüren und entluden Truppen mit tödlichen Energiewaffen, die einen Menschen pulverisieren konnten.

Die Hera hatte schwere Schäden erlitten. Ihre Backbordantriebe spien dicke Rauchwolken und waren außer Gefecht gesetzt. Das Luftschiff war getroffen, aber nicht erledigt und entlud weiter Tod und Verwüstung in die Reihen der dreibeinigen Läufer, die frisch von ihren Landungsschiffen an der Front abgesetzt worden waren, um die schnellen, schwebenden Panzer zu unterstützen. Die 25 Meter langen und lautlos fliegenden, außerirdischen Landungsschiffe wollten ihr finsteres Werk vollenden und purpurfarbene Blitze entluden sich in die angeschlagene Hera. Holden fluchte leise, eine weitere Salve würde das Luftschiff nicht überstehen. Deutlich konnte er die bogenförmigen Generatoren der sinistren außerirdischen Schiffe sehen, die sich für die finale Salve aufluden und in Gedanken sah er bereits den Trümmerregen, in dem die Überreste der Hera sich über die menschlichen Truppen ergießen würden. Derweil seilten sich von den ehemaligen Aussichtsplattformen furchtlose Kämpfer ab. Sie versuchten auf den Oberseiten der laufenden Konstrukte zu landen, um diese mit Sprengladungen vernichten zu können. Viele der tapferen Menschen erreichten ihre Ziele jedoch nicht, da sie beim Abseilen von tödlichen Energiewaffen getroffen oder ihre Seile durch Feindfeuer gekappt wurden und sie in den Tod stürzten. Am Boden drangen die Truppen der Sourge immer tiefer in die menschlichen Linien und in der Luft focht die Hera mit dem letzten Funken Lebenskraft, der noch in ihr steckte, einen verzweifelten Kampf.

Doch bevor die fliegenden Unheilsbringer der Angreifer wieder feuern und ihr Werk vollenden konnten, jagten vier Schemen wie feurige Racheengel über das Tor hinweg und zerrissen die Landungsschiffe. Während die außerirdischen Flieger zu Boden stürzten, griff Holden nach seinem Fernglas und versuchte die Neuankömmlinge zu fokussieren. Trotz ihrer beeindruckenden Geschwindigkeit konnte er deutlich vier moderne und ihm unbekannte Kampfflieger erkennen, bevor sie aus seinem Blickfeld verschwunden waren. Burton rief vom Boden aus seinen Namen und zeigte aufgeregt auf den Himmel hinter ihnen. Mehrere blaue Schemen zeichneten sich im gelblichen Himmel ab. Mehr und mehr stießen durch die Wolkendecke und stiegen auf Flammensäulen herab. Holden konnte sie als Transporter identifizieren, denn die größeren Exemplare trugen gut sichtbar Kettenfahrzeuge im Zentrum ihrer Rümpfe. Eine Taktik, die er oft genug beim Feind beobachten konnte, auch wenn dieser schwebende Fahrzeuge und laufende Konstrukte in das Herz der Schlacht entlud. Ein gewaltiger Transporter landete in der linken Flanke, die unter starken Verlusten zu leiden hatte und entlud blitzschnell sechs schwere und dennoch schlanke Panzer, deren doppelläufige Waffen sich aufrichteten um die anrückenden Außerirdischen mit extrem stark beschleunigten und zischenden Geschossen unter Beschuss zu nehmen. Hinter dem Tor landete ein kleiner Personentransporter und schwarzbekleidete Soldaten stiegen aus, ihre Waffen fest im Anschlag und mit wachsamen sowie suchenden Blick. Die nahestehenden Überlebenden schauten ungläubig auf das Landungsschiff, auf dessen Rumpf ein graues Symbol zu sehen war, in dessen Zentrum prominent die menschlichen Buchstaben ›UCM‹ thronten. Eine blonde, menschliche Frau stand an der Front der Soldaten. »Captain Susan Ivanka«, brüllte sie. »Von den kolonialen Kommandokräften. Wer hat hier das Kommando?«

Wie Wellen brandeten und brachen die mächtigen Truppen der Außerirdischen an dem Tor. Die überlebenden Bewohner Augustus und die Streitmächte der UCM, der United Colonies of Mankind, konnten den Angriff abwehren, doch der Preis war hoch. Als sich der Rauch verzogen hatte, hatten drei gewaltige Luftträger, ein jeder über 300 Meter lang, über dem Tor Position bezogen. Sie warfen gigantische Schatten auf Holden und Ivanka im Zentrum des Getümmels. Die Träger sicherten das Gebiet gegen einen weiteren Angriff, während die Hera am Boden vor Anker lag, unfähig sich wieder zu erheben. Gebannt lauschten Holden und seine Kämpfer, trotz ihrer Erschöpfung, den Ausführungen der Kolonisten. Nicht alle Welten innerhalb der menschlichen Sphäre fielen einst an dem schicksalsträchtigen Tag im Mai des Jahres 2507. Die Randwelten, abgelegene Kolonien die dünn besiedelt waren und hauptsächlich dem Bergbau und der Forschung dienten, waren verschont worden. Geeint in der Furcht hatten sie sich zusammengeschlossen und alle Anstrengungen auf den militärischen Sektor konzentriert. Viele Dekaden waren seit der Invasion vergangen und die Kolonien waren unter einer gemeinsamen Führung und Ziel vereint. Captain Ivanka und ihre Kommandokräfte befanden sich auf dem Weg zur Erde und hatten Agrippa IV als erstes Zwischenziel auserkoren, da die außerirdische Präsenz hier gering war. Von dieser Welt sollte das eigentliche Ziel der kolonialen Streitkräfte, die Rückeroberung des alten menschlichen Gebietes, in Angriff genommen werden. Die Überlebenden lauschten den Ausführungen über modernes Equipment und gewaltige Flotten im All und Armeen auf dem Boden, die auf den Einsatz harrten. Im Gegenzug berichteten die Bewohner der Welt, allesamt Veteranen von Geburt an, von Einheiten und Eigenheiten des gemeinsamen Feindes und Beobachtungen. Das erste Mal seit Jahrzehnten keimte wahre Hoffnung in den Herzen der Menschen, die nur ein Leben nach dem Fall kannten. Sie hatten stets in Angst und der Defensive gelebt und nun boten ihnen Kinder der Erde, die aus den kleinen und zurückgezogenen Randkolonien zurückgekehrt waren, die Option, den Kampf zum Feind zu tragen.

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